Middle East 4

C. Februar 2002

Das Kapitel Usama bin Laden scheint abgeschlossen, nachdem die Amerikaner Afghanistan zerbombt, die Taliban-Regierung aus der Macht verdrängt, die arabisch-internationale Al-Qaidah Legionäre in die Flucht getrieben und einen Teil ihrer Führer als "rechtlose Kombattanten" in Käfigen im amerikanischen Stützpunkt Guantanamo - d.h. außerhalb des amerikanischen Rechts und damit außerhalb der Menschenrechte - konzentriert haben. Nur von Usama bin Laden selbst, den Präsident Bush und seine Weltmacht nach dem vor hundert Jahren im amerikanischen Wilden Westen üblichen Modell "Tot oder Lebendig" haben wollte, was die Krönung der Rache für den 11. September gewesen wäre, fehlt bisher jede Spur. Könnte es sein, daß bin Laden nicht bloß ein "Terrorist", sondern auch ein Stratege von Rang war oder ist? und daß seine Antwort auf "Wanted dead or alive" ein zuerst leises und dann immer lauter werdendes "Weder - Noch" sein wird? In diesem Fall würde man ihn niemals mehr finden, denn zum Schrecken seiner Feinde würde er im riesigen Bereich des Islam in den Mythus eingehen. Was heißt das? Im Mittelalter gab es das auch bei uns: Große Gestalten, deren Tod das Volk nicht glauben wollte - wie Karl der Große, Barbarossa oder der letzte Hohenstaufenkaiser Friedrich der II, von dem es in einer Weissagung hieß "vivit et non vivit" ("er lebt und er lebt nicht") dachte man sich in Berge entrückt, aus denen er am Ende der Zeiten hervortreten wird, um "das Reich zu retten". Es liegt mir ferne bin Laden mit unseren geschichtlichen Heroen zu vergleichen. Aber ich möchte darauf hinweisen, daß in der globalen islamischen Region durchaus noch Auffassungen herrschen und teilweise sogar dogmenhaften Charakter tragen - wie bei den Schiiten der verschwundene 12. Imam, der im 9.Jahrhundert unserer Zeitrechnung nach dem schiitischen Dogma in die Verborgenheit - ghayabat - einging aus der er auf Gottes Geheiß als der Mahdi - der Rechtgeleitete - wiederkehren wird, um "die Welt mit Gerechtigkeit zu erfüllen". Der Glaube an und die Hoffnung auf den Mahdi erfüllt auch die Mehrheit der sunnitischen Muslime seit Jahrhunderten. Da bin Laden ein Sunnit und saudischer Wahhabit war oder ist und die Wahhabiten jeden Gräberkult ablehnen, wird man auch kein Grab finden, was dem Eingang in den Mythus Vorschub leisten wird.

Da die Amerikaner es fertig brachten, aus Usama bin Laden eine zentrale Gestalt für das Volk im gegenwärtigen Islam zu machen, werden sie, falls das "Weder - Noch" zutreffen sollte, von nun mit einem Geist, mit einem Idol, kämpfen müssen, das nicht zu fassen ist. Es wäre eine gewaltige Niederlage, die kein Waffeneinsatz ändern könnte. Präsident Bush scheint das schon erkannt zu haben, wenngleich er es nie zugeben wird. Beweis: Er erwähnte den Namen Usama bin Laden in seiner gesamten State of the Union Rede nicht ein einziges Mal.

Aber kehren wir in die niederen Regionen irdischer Strategie zurück: Präsident Bush stimmte die USA und alle seine Verbündeten in den anderen Kontinenten in dieser programmatischen Rede auf die Fortsetzung und Verstärkung des Kampfes gegen den Terror überall in der Welt mit der Parole des Kampfes gegen die "Achse des Bösen" ein, und nannte drei Staaten beim Namen Irak, Iran und Nordkorea mit der Beschuldigung, daß diese Staaten Massenvernichtungsmittel vorbereiten. Verbunden mit der weitergehenden Drohung gegen solche Staaten, die Amerikas Kampf gegen das Böse nicht unterstützen: "Einige Regierungen hätten sich angesichts des Terrors als furchtsam erwiesen. Aber wenn sie nicht handeln, so wird Amerika es tun" (SZ 31. 1. 2002).

Ist es nur Rhetorik oder bahnt sich da etwas anderes an? Angesichts der Tatsache, daß die USA die einzige Weltmacht sind, die die Fähigkeit hat, an allen Punkten der Erde zuzuschlagen, und daß sie ihr Militärbudget in einer Weise in den nächsten vier Jahren erhöhen werden, der niemand in der Welt mehr folgen kann (379 Milliarden $ im kommenden Haushaltsjahr, dabei 9,4 Milliarden $ allein "für die Bekämpfung des Terrors" und 7,8 Milliarden $ für die Erforschung der Raketenabwehr), bahnt sich global die amerikanisch-kapitalistische Weltherrschaft an, die ebenso fundamentalistisch ist wie man das früher dem kommunistischen, heute dem islamischen Gegner vorwirft. Edward Luttwak früherer Direktor und heute Senior Fellow am "Center for Strategic and International Studies"in Washington verdeutlicht uns die "Rationalität" der amerikanischen Führung bei der Benennung der drei Staaten in der "Achse des Bösen" (FAZ 9.2.2002). Wenn man das liest, bedauert man es unwillkürlich, daß es kein "Cowboy-Unilateralismus" ist. Es ist schlicht Erpressung mit militärischen Drohungen. Man stellt die drei Staaten ganz einfach vor die Wahl "Konflikt oder Zusammenarbeit". So will man Satelliten oder Quisling-Regierungen erzeugen. Heute bei ihnen, morgen bei anderen. Wir kennen das aus der Geschichte, auch aus der eigenen deutschen, auch aus der vergangener Imperien. Und Luttwak, der diese amerikanische Politik rational verteidigt, sagt in seiner Analyse, daß eine solche Bedrohung (durch die drei Staaten, Verf.)nicht hingenommen werden kann und der "auch dann ein Ende gesetzt werden muß, wenn die übrigen arabischen Staaten nicht damit einverstanden sind". Und was, wenn auch einmal ein europäischer Staat, oder Rußland oder China oder sonstwer mit dieser Strategie "Zusammenarbeit oder Konflikt" konfrontiert wird? Und die Mittel brauchen nicht nur militärische Waffen zu sein, viel leichter noch wirtschaftliche und finanzielle. Auch wenn das heute nicht der Fall ist: Es ist und bleibt eine grundsätzliche Frage, die man lösen muß, die man aber nicht damit lösen kann, daß man einfach das Schwert in die Waagschale wirft.

Wird diese globale Konsequenz unser Schicksal sein und ist die "Allianz gegen den Terror" nur der erste Schritt zum amerikanischen Welt-Imperium, dem ausgesuchte weitere Schläge (Kriege) gegen Feinde, die man vorher mit den Medien kriminalisiert, folgen, bis am Ende das Land (4% der Weltbevölkerung), das 30 Prozent aller Waren der Welt produziert und deren Waffen nichts Vergleichbares gegenübersteht, die ganze Welt beherrscht?

Alle Staaten der Welt müssen sich überlegen, ob sie auf diesem Weg folgen wollen oder ob es noch andere Visionen der Zukunft geben kann? Der britische Historiker Paul Kennedy (heute Direktor für Internationale Sicherheit an der amerikanischen Universität Yale) hat in seinem 1989 erschienen Buch "The Rise and Fall of the Great Powers" von der "Überdehnung" (overstretch) gesprochen, die das Schicksal Amerikas wie mancher früherer Imperien werden könnte. Aber die größte Bedrohung, das meint auch Kennedy, entsteht aus der Asymmetrie. Es gibt zweifellos schon eine langanhaltende Tendenz, die Erde und die Menschheit als eine einzige Einheit anzusehen und sie als solche auch zu vereinen und zusammenzufassen. Und das ist nicht nur eine Sache des "Marktes". Alle großen Reiche der Geschichte hatten so oder so diese Vision. Aber was noch nie so krass war wie heute, ist die Asymmetrie zwischen der einzigen globalen Supermacht und der riesigen Mehrheit der anderen Menschheit, der die Amerikaner ihr fundamentalistisches Zukunfsbild von Warenkonsum, Profit und Bereicherung, alles zusammengefaßt im Slogan "Demokratie und Freiheit", in Wahrheit die Herrschaft des großen Geldes, als Sinn und Zweck des Lebens aufzwingen wollen. Ein Imperium dieser Asymmetrie kann nicht gelingen. Es war schon immer das Problem der Imperien, die Welt von einem Punkt her beherrschen zu wollen. Heute erscheint das technisch, verkehrsmäßig, informatisch, wirtschaftlich und vor allem militärisch möglich. Aber an einem sind die Imperien der Geschichte immer gescheitert: daß die Menschen sich dagegen wehren, ein Bienenkorb oder ein Termitenstaat zu werden. Nicht nur aus ihren eigenen diversen freiheitlichen Interessen und Rechten, sondern auch aus den ihnen angeborenen .-- der religiöse Mensch sagt: von Gott in die Seele hineingesenkten Streben nach "Sinngebung", die letztlich allein das Leben erfüllen kann und allein den Menschen vom Tier unterscheidet, und die keine bloße Produktion und kein Konsum, so notwendig beide auch sind, befriedigen kann. Von einem Punkt und mit einer bloß materiellen Macht zu herrschen, wird scheitern, auch mit dem Milliardenaufwand.

Wenn es andererseits richtig ist, daß das Staatensystem von über 200 formal souveränen Staaten in den Vereinten Nationen ein Nichts ist gegenüber einem großen Imperium, so bleibt gegenüber der Notwendigkeit globaler Zusammenfassung nur eine Alternative: ein globaler Makroregionalismus, in dem Völker ganzer Kontinente sich vereinen, um gegenüber der Herrschaft von einem Punkt aus Selbstbestimmung und Gleichberechtigung zu erlangen. Europa könnte ein solcher Anfang sein, auch Rußland und alles, was sich um es schart, auch China und alles was sich nach ihm orientieren will, auch Afrika und Lateinamerika und was aus ihrem Geist lebt und vor allem auch der islamische Raum, in dem der erste Kampf um die Selbstfindung und Selbstbehauptung stattfinden wird. All diese makroregionalen Großräume können Partner der USA sein, niemals Untergebene. Als einzelne Staaten sind und bleiben sie bloße Trabanten

Die "Allianz gegen den Terror" erscheint klar als imperiales Instrument, denn wer kann schon für den Terror sein? Niemand! Ebenso wie niemand für die Sünde sein kann. Aber in Wirklichkeit ist die Allianz der Weg zur Weltherrschaft, nichts anderes. Und es ist falsch von Rußland wie von China unter dem Schlagwort "Terror" nur die eigene schmutzige Wäsche der Gewalt gegen die Tschetschenen wie der Uighuren zu waschen.

Und noch ein Wort zur regionalen Konsequenz: Das Argument der "Achse des Bösen" mobilisiert die Angst der Menschen vor den Massenvernichtungswaffen. Und gewiß ist das eine reale Gefahr, kein Gespenst. Aber auch hier gibt es eine einfache Wahrheit: Alle diese Waffen entstanden und entstehen aus Furcht, nicht aus bösem Willen. Die amerikanischen Kernwaffen entstanden aus der Furcht im Zweiten Weltkrieg, die Deutschen könnten ihnen in Forschung und Produktion zuvorkommen und den Weltkrieg gewinnen. Die sowjetischen entstanden aus der Furcht gegenüber den amerikanischen Waffen, das west-östliche Weltduell zu verlieren. Die britischen und französischen Kernwaffen, aus der Furcht in der damaligen Bedrohung aus dem Osten von den Amerikanern total abhängig zu werden. Die chinesischen Kernwaffen, weltstrategisch zwischen den Amerikanern und den Russen gelegen, aus der Furcht nach dieser oder jener Seite die eigene Selbstbestimmung zu verlieren. Die indischen Kernwaffen durch die Gefahr, die damals von den chinesischen Waffen ausging. Die pakistanischen Kernwaffen durch die Gefahr, gegenüber dem Menschen-Übergewicht Indiens zusätzlich der Kernwaffen im Streit um Kaschmir auf die Verliererseite zu geraten. Schließlich die israelischen Atomwaffen, die mit französischer Hilfe (bevor de Gaulle diese Hilfe einstellte) und unter Wegsehen der Amerikaner gebaut wurden. Sie sollten dem neuen Staat, der gegen den Willen der arabo-islamischen Region und unter Verletzung des Menschen- und Selbestimmungsrechtes der Palästinenser entstand, die letzte Sicherheit bringen. Es waren nicht alle israelischen Generäle dafür, eher die Politiker (so Ben Gurion, Golda Meir und Peres), nicht die Generäle Rabin, Barak und auch nicht Scharon. Diese fürchteten den Verlust des Qualitätsvorsprungs der israelischen Armee, wenn die arabische Region nuklear gleichziehen und damit die Quantität den Ausschlag geben würde Und in der Tat, die Araber würden, ja müßten, nach dem Gesetz der nuklearen Bewaffnung nach den gleichen Kernwaffen streben, sobald Israel sein Atomwaffenziel erreicht haben würde.

Und hier ist es, wo die amerikanische Politik erneut die falsche Weiche stellt. Der Westen, grob gesprochen, bewaffnete Israel nuklear und verhinderte das Gleichziehen der Araber. Vielleicht war es zunächst gut so, denn sonst wären wir schon lange im Dritten Weltkrieg. Aber wir stehen immer noch, und diesmal verschärft, vor dem gleichen Problem: Man bedroht den Irak, weil man eine Kernwaffenproduktion verhindern will. Um es auf eine einfache Formel zu bringen: Es geht nicht nur um Saddam Hussein. Man gestattet dem großen arabo-islamischen Raum nicht das Gleichziehen der Machtinstrumente mit dem israelischen Gegner. Gleichzeitig hat man in einem halben Jahrhundert nicht fertig gebracht, einen wirklichen Frieden zwischen den beiden Gegnern herzustellen. Wieso nicht, weil man bis zum heutigen Tag mit zweierlei Maß mißt und weil es keinen "ehrlichen Makler" gibt. Amerika war es nie und die Europäer sind weniger zu schwach, sondern zu feige. Sie trauen sich selbst nichts mehr zu.

Wenn nun Bush diesen Weg durch die gewaltsame Entwaffnung des Irak und gar des Iran fortsetzt, trifft es die ganze arabische und islamische Region im Kern. Es ist die Arroganz der Macht (Senator Fulbright), die verhindert, das zu begreifen. Wenn man aber Arabien - um dieses Kürzel zu verwenden - nicht gleichziehen lassen kann, weil auch das zu gefährlich wäre, gibt es einen einzigen Weg die sich anbahnende Katastrophe zu verhindern: Den ganzen Raum Middle East Schritt für Schritt zu entnuklearisieren und zwar einschließlich Israel. Das würde den Weg zum Frieden öffnen, weil es ihn effektiv notwendig machen würde. Es würde außerdem die Entsendung ständiger internationaler Beobachter, und zwar nicht nur in den Irak, sondern in die gesamte Region unter Zustimmung aller Staaten der Region (siehe die anschließende "Introduction") ermöglichen und könnte zum Beginn eines wirklichen großen Friedenswerk werden, für den es von Anfang an nur eine einzige Vorbedingung gibt, die bisher nie beachtet wurde: die Gegner ohne jeden Abstrich gleichzubehandeln.

Dr. Rudolf Hilf


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