Große Aufmerksamkeit für kleine Sprachen Aspekte einer Reise zu den deutschen und ladinischen Sprachinseln im Alpenraum

 

 

Reisebericht von Dr. Ortfried Kotzian

 

 

 

        Es war eine seltsame Idee: Jene Menschen mittels einer Studienreise aufzusuchen, die eine Sprache sprechen, welche hochsprachlich als „Deutsch“ bezeichnet, von den meisten Deutschen aber als völlig unverständlich angesehen wird. Die Leute, von denen die Rede ist, sind im Alpenraum beheimatet, exakter ausgedrückt, in Südtirol, dem Trentino, in Oberitalien und dem Kanaltal. Sie sprechen Mundarten oder Dialekte, die aus dem Mittelalter erhalten geblieben sind, eher mit dem Baierischen oder Kärntner-Deutschen verwandt… und wie in einer „Eiskeller“-Situation oder einer „Isolier“-Station recht unverfälscht.

        Die sprachliche Überlieferung geht bis in die Zeit der Besiedlung des Alpenraumes zurück. Das hat zu vielerlei Spekulationen unter den Sprachforschern geführt, welche die Dörfer mit den Menschen und ihren seltsamen sprachlichen Verhaltensweisen gegen Ende des 19. Jahrhunderts als wissenschaftliches Forschungsfeld entdeckten. So entstanden Begriffe wie die „Zimbern-Dörfer“, welche bis in die Völkerwanderungszeit zurückreichen sollten. Zwischenzeitlich ist dieser Mythos zwar der Realität gewichen, dass die Sieben und Dreizehn Gemeinden mit den Cymbern und Teutonen nichts zu tun haben, aber ihre Sprache heißt weiterhin „Zimbrisch“ und es lohnt sich, ins Trentino zu fahren, um diese Sprachkultur zu hören und zu verinnerlichen.

        Zur Besonderheit wenig bekannter Sprachen gehören auch alle jene Formen, welche zwar im Schweizer Sprachraum als die vierte Landessprache bekannt sind, in Italien jedoch lange als eine Abart des Italienischen betrachtet wurden. Das Rätoromanische, das in Italien als Ladinisch oder Friulanisch bezeichnet wird, unterscheidet sich im jeweiligen Siedlungsgebiete durch unterschiedliche Idiome. Für den Besucher noch interessanter ist jedoch die rechtliche Verankerung des Sprachen- und Minderheitenschutzes in den jeweiligen Provinzen Italiens. Ladinien ist aufgeteilt. Das Grödner- und Gadertal gehört zur Provinz Südtirol, das Fassatal ist Teil des Trentino, Buchenstein und Ampezzo gehören zu Belluno. Die politische Administration verantwortet unterschiedlich den Schutz der jeweiligen ladinischen Sprache, von der Autonomie (Südtirol) bis zur Duldung (Belluno). Kulturinstitute, Museen und „Häuser der Ladiner“ müssen die Existenz und die Lebendigkeit der ladinischen Sprache sichern.

        Die Durchdringungssituation des Alpenraumes mit großen und kleineren Sprachen, mit dem Deutschen und Italienischen mit den verschiedenen Formen des Rätoromanischen und den Mundarten der Sprachinseln, macht für den reisenden Interessenten den Reiz aus, in abgeschiedene Bergtäler, Hochebenen, von den Dolomiten überragte Passstraßen vorzudringen und dort zu verweilen, um Wissen über Unbekanntes zu erfahren und zu speichern. Aber kann man überhaupt Sprachformen mit Hilfe einer Studienreise präsentieren? Sprache ist nicht zu sehen, nur zu hören und ob sie verstanden wird, ist eine ganz andere Frage. Was soll dann ein Besuch in der Abgeschiedenheit der Sieben Gemeinden oder von Lusern im Trentinischen? Was vermittelt man bei einer Sprachinselreise?

        Ausgehend von der Tatsache, dass Sprache viel mehr ist als Kommunikationsmittel und dass sie immer mit Menschen zu tun hat, deren Lebensformen zusammenfassend eine Kultur und eben nicht nur eine Sprachkultur entstehen lassen, macht für Reisende viel Sichtbares sehenswert und erlebbar. Die Natur ist etwas Gegebenes, Vorhandenes. Der Mensch arrangiert sich mit ihr und trifft eine klare Entscheidung. Hier will ich leben. Hier will ich meine Weltsicht an künftige Generationen weitergeben. Der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi (1746 - 1827) schrieb: „Das Geschenk der Sprache ist groß. Sie gibt dem Kind in einem Augenblick, wozu die Natur Jahrtausende brauchte, um es dem Menschen zu geben.“ Wie sich dieses Geschenk im Hier und Jetzt, in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts darstellt, das sollte das Vermittlungsziel für die Spracheninteressierten bei dieser Reise sein. Alles, was darüber hinaus gesehen, erfahren oder besprochen wurde, war die Ergänzung des Reisegeschehens, welche aus der Sprachinselreise ein Erlebnis werden ließ.

        Was sind das für Menschen, die sich für Reiseziele wie Timau/Tischlbong oder Roana/Robaan, Sappada/Plodn oder Sauris/Zahre entscheiden? Die Studienreise 2016, die offiziell den Titel „Europas ethnische Vielfalt im Mikrokosmos der Alpen“ trug, sollte nach Südtirol, zu den Ladinern und den deutschen Sprachinseln in Oberitalien und im Kanaltal führen. Dabei sollten nicht nur der Alpenraum und seine ethnische Vielfalt oder das Verhältnis Bayern – Tirol in Vergangenheit und Gegenwart, die Geschichte der Südtirolfrage oder der Kriegseintritt Italiens in den 1. Weltkrieg vor 100 Jahren mit seinen Schlachten am Isonzo und an der Piave untersucht werden, sondern die Teilnehmer wollten sich mit historischen Fragen zum Friaul und den Friulanern oder den Kärntner Slowenen auseinandersetzen. Das vielfältige und differenzierte Bild geschichtlicher, geografischer, wirtschaftlicher, politischer, gesellschaftlicher und kultureller Ereignisse um die gesteckten Reiseziele herum, sollte dazu dienen, Verstehen und Verständnis für die besuchten Menschen und ihr Dasein zu wecken.

        Derartige Motive verfolgten die allermeisten der mitreisenden Personen. Ihre Verbundenheit mit der Reisegruppe und ihrer Leitung entsprang langjährigen Erfahrungen, zuletzt 2012 bei großen Rundreisen durchs Sudetenland gesammelt oder in den Jahrzehnten zuvor bei langen Busreisen ins Baltikum zur europäischen Kulturhauptstadt Reval/Tallinn, nach Rumänien/Bulgarien mit der europäischen Kulturhauptstadt Hermannstadt/Sibiu oder bei einer 16-tägigen Tour zum Bayerischen Haus nach Odessa in die Ukraine. Veranstalter waren in den neunziger Jahren das Bukowina-Institut in Augsburg und nach dem Jahre 2002 das Haus des Deutschen Ostens in München, eine staatliche Einrichtung zur Erhaltung des deutschen Kulturerbes im historischen deutschen Osten jenseits der gegenwärtigen deutschen Staatsgrenzen meist in Verbindung mit der zentralen Lehrerfortbildungseinrichtung in Bayern, der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung in Dillingen.

        Mit dem Eintritt in den Ruhestand des langjährigen Reiseleiters konnte der Ausgriff nach neuen Zielen, unabhängig von der Ausrichtung der die Studienreisen tragenden Institutionen erfolgen. So ist bereits im Jahre 2012 eine Reise zu den deutschen Sprachinseln in Oberitalien angekündigt worden, deren Verwirklichung bis zum September 2016 auf sich warten ließ. Als geeignete Kooperationspartner wurden im aktuellen Fall das Internationale Institut für Nationalitätenrecht und Regionalismus (INTEREG) in München und das Einheitskomitee der Historischen Deutschen Sprachinseln in Italien mit Luis Thomas Prader aus Aldein/Südtirol an der Spitze gewonnen. Dessen großes persönliches Engagement für die Sache der Sprachinseln bedeutete für die Reisenden in diese Gefilde einen außerordentlichen Glücksfall. Mit Luis Prader erhielten die Teilnehmer jene Netzwerke frei Haus geliefert, die ein tiefes Eindringen in den Kulturraum Alpen ermöglichten und mit denen er der Organisation der Reise jene Leichtigkeit vermittelte, die für ein gutes Gelingen unabdingbar war. Prader war die Perle: ein Name, der Türen öffnete.

     Die an der Planung beteiligten Institutionen stellten den vorbereitenden Rahmen mit dem 126-seitigen Begleitband und organisierten die fachlichen wissenschaftlichen Begleiter wie Christoph Gufler aus Lana, Theodor Rifesser aus Auer oder Alfred Sandrini aus Tarvis-Camporosso vom Kanaltaler Kulturverein. Sie waren es, welche die Begegnungen mit den Muttersprachlern in allen Sprachinseln, seien sie nun deutsch oder Ladinisch zustande brachten und für die Antworten auf die Vielfältigkeit der Fragen sorgten.

        Das Erlebnis „Sprachinselreise“ konnte so an neun sonnigen Tagen im September 2016 seinen Lauf nehmen. Die Anfahrt über den Reschenpass mit dem Wahrzeichen des im Stausee am Reschen versunkenen Kirchturms von Graun leitete ein in die verheerende Situation europäischer Nationalstaatspolitik des vergangenen Jahrhunderts. Kulturträchtig und geschichtsmächtig zeigten sich der ehemals rätoromanische Vinschgau mit den karolingischen Fresken von St. Benedikt in Mals und der kleinsten Stadt Italiens Glurns. Dorf und Schloss Tirol oberhalb von Meran in der spätsommerlichen Abendsonne gelegen, waren jenes geschichtliche Fundament, das in den Folgetagen vertieft werden sollte. Das Hotel Andreas Hofer in Neumarkt, südlich von Bozen, bot dafür bereits am ersten Abend genügend Gelegenheit und sollte zum geschätzten Domizil für zwei Drittel der Reise werden.

        Meran als Landeshauptstadt Tirols zwischen 1280 und 1420, hat dieses Privileg noch vor Beginn der Neuzeit verloren, gereicht jedoch jeder Stadterkundung mit seinem internationalen Kurzentrum zur Ehre. In den Gärten des Schlosses Trautmannsdorf hat sich nicht nur Sissi, die österreichische Kaiserin Elisabeth und Gattin von Kaiser Franz Josef mit einem Buch niedergelassen, sondern auf der Seebühne zwischen Botanik und Kulinarik ersteht das historische Tirol musikalisch neu: Chöre aus Nordtirol (Österreich), Südtirol und Welschtirol (dem Trentino) singen in Deutsch, Italienisch und Ladinisch um die Wette. Hier verbinden sich Kultur- und Naturgenuss zu einer phantastischen Symbiose.

        Die Fahrt zu den „7 Gemeinden“ und der Besuch des „Zimbrischen Museums“ in Robaan/Roana überraschten nicht nur mit Sprachproben des „Zimbrischen“, sondern auch mit einer zimbrischen Speisekarte im Restaurant für ein siebengängiges fleischloses Spezialitätenmenü, das der zimbrische Liedermacher Tamiozzo mit seinen alten, überbrachten Liedern als Tafelmusik anreicherte.

        Lusèrn muss man erlebt haben. Abgesehen davon, dass dort alle Nicolussi heißen, versuchen diese Nicolussis auch im Kulturzentrum die Luserner Sprache für Kinder attraktiv aufzubereiten durch Comics, durch Kinderfilme und Internetpräsentationen. Das Heimatmuseum ist mit modernster Museumstechnik ausgestattet und umfasst das gesamte Leben, nicht nur die Frage des Spracherhalts. Damit wird auch das Grauen des Ersten Weltkrieges als Lusern direkt am Frontverlauf lag, nicht der Vergessenheit anheim gegeben.

        Repräsentativer Höhepunkt der Studienreise war der Besuch im Plenarsaal des Südtiroler Landtages mit anschließendem Empfang durch den Direktor des Landtagsamtes Karl Wolf, der Filmvorführung über die Aufgaben der Parlamentarier und das Gespräch mit dem Abgeordneten Hans Heiss, der – wie schon sein Name sagt – keiner „heißen Frage“ zur Südtiroler Politik und Gesellschaft aus dem Wege ging. Die Mehrheit der Reisegruppe besuchte schließlich über die Mittagszeit die wohl berühmteste Bozener Persönlichkeit, den „Ötzi“, der jetzt international „Iceman“ genannt wird. Allein die Konservierungsmethoden der Gletschermumie sind technische Wunderwerke. Ähnlich wirkt die Südtiroler Hauptstadt im Wissenschafts- und Wirtschaftssektor, bei Innovation und Zukunftsorientierung. Dies wird beim Besuch bei Günter Rautz in der Europäischen Akademie (EURAC) deutlich, der das Fach Minderheitenforschung vertritt und zugleich mit dem Südtiroler Volksgruppeninstitut unter der Leitung von Prof. Dr. Paul Videsott, einem begeisterten und begeisternden Ladiner zusammenarbeitet. Für die schwierige Geschichte Bozens mit Unterwanderung, Faschismus, Sprachenkampf etc. war dann wieder der ehemalige deutsche Schulrat Südtirols Luis Thomas Prader zuständig. Aus den Höhen der Großstadt entführte die Heimatkundlerin Hedwig Zanotti die Gäste in die Gegenwartskultur der Kleinstadt Neumarkt an der Etsch.

        Die unterschiedlichen Identitäten der Ladiner waren bereits Thema beim Südtiroler Volksgruppeninstitut. Der aus dem Grödnertal stammende Ladiner Theodor Rifesser präsentierte die verschiedenen Facetten im Ladinischen Kulturinstitut in Vigo di Fassa, wo der Abgeordnete im Römischen Parlament Beppe Detomas das Schicksal des ladinischen Volkes in einem umfassenden Vortrag deutlich machte. Die Ausstellung des Museums beeindruckte vor allem durch ladinische Faschingsbräuche und volkskundliche Gegenstände.

        Die faszinierende Bergwelt der Großen Dolomitenstraße ließ kleine menschliche Probleme vergessen und überwältigte durch die Größe, Wuchtigkeit und Feingliedrigkeit der Felsformationen am Sellajoch. Bereits am Morgen hatte der Karersee mit seinen Spiegelreflexen den Zauber der Dolomiten beschworen. Gegen Abend schließlich, als der Rosengarten und andere Teile der Dolomiten erblühten, stand in St. Ulrich im Grödnertal der Besuch des „Cësa di Ladins“, des Zentrums der ladinischen Kultur und der ladinischen Zeitung „La Usc di Ladins“ auf dem Programm. Je kleiner die Sprachgruppe, desto schwieriger Medien aller Art zu unterhalten, war das Fazit der Begegnung mit der ladinischen Presse.

      Nach dem Ladinertag stand der Standortwechsel aus dem liebgewonnenen Andreas Hofer Hotel in Neumarkt ins Sporthotel Bellavista in Camporosso im Kanaltal an. Der Weg in den Nordosten Italiens ins Kanaltal führte oftmals entlang der Frontlinie des 1. Weltkrieges am Isonzo. Höhepunkt des Tages stellte allerdings der Besuch der Sprachinsel Plodn/Sappada dar, wo die Gruppe von Max Pachner, dem Koordinator des Sprachinselkomitees in Oberitalien empfangen wurde. Die traumhafte Architektur Plodns mit den aus Holz gefertigten Alpenhöfen verwandelte das gesamte Dorf in ein lebendiges, beständig bewohntes Freilichtmuseum. Dorfführung mit den speziellen Handwerksbetrieben, die durch bekleidete Strohpuppen jedem Haus das unverwechselbare Aussehen verliehen, wechselte mit Museumsführung, was zeitlich fein abgestimmt war. Hier hätte man verweilen wollen, aber der Weg ins Kanaltal war noch weit.

        Alfred Sandrini, der die wissenschaftliche Reiseleitung von Luis Thomas Prader übernommen hatte, wählte für das nächste Tagesprogramm den Besuch der Sprachinsel Timau/Tischlbong am Fuße des Plöckenpasses aus. Die Begegnung mit den Tischlbongerisch Sprechenden fand im Obergeschoss des Weltkriegsmuseums statt. Die Besonderheit dieses Treffens bestand darin, dass die anwesenden Tischlbonger aller Altersstufen konsequent bei der Vermittlung ihrer Erlebnisse, ihrer Sorgen und Nöte, die eigene Sprache verwendeten. Es gab keine Übersetzer. So hieß es, konzentriert lauschen, einhören und den Gehirnwindungen viel Intelligenz abverlangen. Reiseteilnehmer stürzten sich trotz dieses Teilverstehens auf die bereitstehenden Gesprächsangebote und auf die ausliegenden Zeitungen in der Tischlbonger Sprache.

        Neben dem Museum und Begegnungszentrum überrascht den Besucher die „große Kirche“, welche überdimensioniert, in moderner Nachkriegsbauweise und Anklängen an ostkirchliche Innengestaltung über den Ortskern von Tischlbong hinausragt. Die Hinterlassenschaft der Kosaken, die von den Nationalsozialisten gegen Ende des Zweiten Weltkrieges in dieser Gegend einen eigenen Staat erhalten sollten, wurde, nachdem sie sich in alle Welt verstreut hatten, lange Zeit aufbewahrt mit dem Ziel, ihnen ihr Vermögen zurückzuerstatten. Als bis zu den sechziger Jahren die Kosaken nicht zurückkehrten, beschloss man, die „groassa khircha“ zu bauen. Alljährlich besuchen Hunderte von Kosaken mit ihren Familien am Patrozinium Tischlbong und die Kirche.

        Die letzte Station des Tages war für die Reisenden der Sitz des Kanaltaler Kulturvereins in Grünwald/Tarvisio Boscoverde. Tarvis/Tarvisio, der Hauptort des Kanaltales liegt im Grenzbereich zu Kärnten und Slowenien. Der Erhalt der deutschen Sprache und mit ihr die Kanaltaler Mundart steht hier vor ganz anderen Fragestellungen, als bei den übrigen isoliert existierenden Sprachinseln. Der wirtschaftliche, kulturelle und sprachliche Austausch über die Grenzen hinweg, führt eher zu einer Bedrohung der Mundart durch die angrenzende Hochsprache, denn durch Assimilierung an die Staatssprache. Mehrsprachigkeit als Bewusstseinserweiterung? Alfred Sandrini war der lebende Sprach- und Zeitzeuge für die Kanaltaler Situation: Deutsch als Muttersprache, Kanaltalerisch als Mundart, Italienisch als Staatssprache, Friulanisch als Regionalsprache und Slowenisch als Nachbarschaftssprache. Polyglott? Ich denke schon.

        Vor der Rückfahrt nach Deutschland oder Frankreich (Es war auch ein elsässischer Reiseteilnehmer in der Gruppe!) stand der Besuch des „schönsten Endes der Welt“, der Sprachinsel Zahre/Sauris an. Die auf einer Hochebene gelegenen Dörfer bringen gar manchen Sprachinselinteressierten an den Rand der Verzweiflung, wenn er über die Höhe seines Reisebusses nachdenkt. Endlich am vorletzten Tag macht die Studienreise als „Abenteuerreise“ (neudeutsch: Adventure Tours) ihrem Namen alle Ehre. Ein altes verrostetes Verkehrsschild am Fuße der Passstraße zum Stausee und zur Zahre hinauf mit einer Höhenangabe von 3,70 Metern lässt den einen oder anderen Stoßgebete zum Himmel schicken. Die nicht enden wollenden Tunnels lassen keine Vorstellung zu, wie die Zahre aussehen könnte und ob Menschen dort überhaupt leben können. Wie schließlich nach überstandener Tortur feststellbar war, können sie es… und sie können noch mehr, z. B. ihre Kirchen mit herrlichen gotischen Altären ausstatten, welche keine Vergleiche scheuen müssen. So führt der erste Weg zur Kirche und in das sakrale Museum, welches in mancher Gegend der Welt erwartet worden wäre, hier in der Zahre jedenfalls nicht.

        Obwohl die Sonne aus dem blauen Himmel strahlt, und die Vergoldungen der liturgischen Figuren kaum zu übertreffen sind, macht sich die Gruppe zu einer weiteren Sensation im „schönsten Ende der Welt“ auf: dem Besuch der Schinkenfabrik Wolf, dem größten Wirtschaftsunternehmen und damit dem größten Arbeitgeber in der Zahre. Da werden halbe Schweine aus ganz Deutschland, Österreich und Italien in dieses Bergdorf der Alpen verfrachtet, um dort geräuchert, gepökelt und sonst wie behandelt, um schließlich wieder mit 4,00 Meter hohen LKWs in alle Welt befördert zu werden. Und warum verkauft sich der Zahre-Schinken so gut? Wegen der Luft. Das Aroma in dieser Höhe ist unbeschreiblich und sogar der Rauch riecht sauber. Die Zahre wird also wirtschaftlich überleben, wenn der Tourismus noch etwas zunimmt.

        Ob sie sprachlich überleben wird, hängt wohl mit den Ortsansässigen selbst zusammen und der Frage, wie sehr sie bereit sind, Zahrisch zu sprechen, Zahrisch zu singen und dieses Kulturgut hoch zu bewerten. Wenn sie alle diese Fragen mit „Ja, wir schaffen das“ beantworten, dann wird die Zahre so weiterleben, wie es ihr eindrucksvoller Chor besingt. Lucia Protto aus der Zahre hat es so ausgedrückt: „Die überlieferten Traditionen sind die Seele unserer Gemeinschaft. Selbstverständlich könnten wir auch ohne diese überleben, doch das wäre wie ein Dasein ohne Seele, ohne eigene Identität.“

        Die Begeisterung der Reisenden für die Zahre und das Zahrische kannte keine Grenzen. Bei der Rückfahrt nach dem Besuch des Museums in der Oberzahre und dem Verweilen in der Abendsonne verloren die engen dunklen Straßentunnel ihre Gefährlichkeit; und das Azurblau des Stausees unterhalb des Dorfes spiegelte die dunkelgrünen Wälder und die hellgrünen Wiesen im verblassenden Licht. Der Abschied aus der Zahre war so perfekt wie die gesamte Sprachinselreise und die Menschen mit ihren seltsamen Mundarten und Dialekten waren so freundlich, dass man ihnen wiederbegegnen möchte. Ein Erleben, das trägt…

        Der letzte Tag war erfüllt von Heimreise und Wehmut, von einer spannenden Greifvogelschau auf der Erlebnisburg Hohenwerfen zwischen Tauerntunnel und Salzburg und der Gewissheit, dass kleinen Sprachen auch mit Hilfe einer Studienreise große Aufmerksamkeit geschenkt werden kann.

 

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